VERSCHWINDEN
Ich werde leiser.
Schmaler.
Weniger.
Nicht, weil ich krank sein will oder die aufmerksam benötige,
sondern weil ich einfach verstand, dass man,
wenn man weniger Raum einnimmt,
weniger gesehen wird.
Ich wundere mich also nicht mehr,
wenn mich jemand übersieht,
oder meine Worte überhört,
denn ich habe es mir selbst ausgesucht.
Wo bin ich?
Wer bin ich?
Wie komme ich hierher?
Ich hatte nie wirklich vor zu sterben,
sondern nur zu verschwinden.
Also wählte ich den Weg, der für mich am einfachsten scheint
und passe nun in Kleidergrößen von meinem kleinen Bruder.
Meine eigenen werden mir viel zu groß.
Doch auch dieses Gefühl liebe ich,
ein wenig.
Meine Pullover liegen auf meiner Haut,
doch sie engen mich nicht mehr ein.
Ich habe das Gefühl,
dass ich nun endlich
mehr Platz
zum Atmen
bekomme.
Man sieht mein Schlüsselbein,
meine Rippen.
Doch es ist mir noch nicht genug.
Man sieht noch zu viel von mir.
Es wird erst erträglicher, wenn ich gar nicht mehr da bin.
Wenn ich ganz
verschwinde.
Alles tut mir weh.
Jeder Knochen.
Jeder Muskel.
Verschwinden ist etwas, was ich selbst bestimmen kann.
Ich spüre, dass mir mein Körper gehört.
Er spielt nach meinen Regeln.
Er hat wohl akzeptiert, dass ich ihm nun keine Nahrung mehr geben werde.
..Also verlangt er sie auch nicht mehr.
Ich tauche ab in ein Leben, das sich nicht mehr schmerzhaft für mich anfühlt.
Ein Leben, das ich selbst bestimmen kann,
bis ich eingeholt werde.
Eingeholt von etwas,
das so viel mächtiger ist,
als ich es bin.
Ich habe das nicht einberechnet.
Hier läuft etwas schief.
Ich verliere die Kontrolle.
Ich rutsche ab.
Ich kann mich nicht mehr halten.
Ich kann es nicht mehr ändern..
und verliere mich nun komplett an den Hunger,
der wohl nie mehr
zurückkehren will.
Zurück zu mir.
“So war das nicht geplant.”
Wie vieles nicht,
was in meinem
Leben
geschieht.
Ich habe nun gar keinen Hunger mehr.
Beim Geruch von Essen wird mir schlecht.
Ich bekomme ein Ekelgefühl,
wenn jemand von Essen spricht
und würge, wenn ich etwas esse.
Aus Kontrolle wurde Verlust.
Ich hatte die Kontrolle,
bis ich sie abgab.
Ein weiteres Mal,
doch diesmal
ungewollt.
Ich befinde mich in einer Spirale..
..In einer Spirale, die immer mehr zunimmt,
doch ich hingegen nehme alles andere als zu.